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Projektart: Artikel [Karte]
Objekt:Aachener Dom Typ:Kathedrale
Ort:Aachen Staat:Deutschland
Architekt:Domkapitel Aachen Materialien:Altbausanierung
Publiziert:d + h 7/2014 Seite:52 - 55
Die freigelegte Dachkonstruktion inmitten der Halle. Gut zu erkennen die Aufdoppelung der Mittelpfettenanschlüsse an den Sparren mit Kerto-Schichtholz
Der Aachener Dom mit Nikolauskapelle
Nachbau eines Balkens. Mit einem Stemmeisen wird das Zapfenloch ausgestemmt
Der Zimmermann erläutert die Position und die Wirkung von Ringkeildübeln. An den gezeigten Stellen wird er gleich die Ringnuten fräsen
Der südwestliche Bereich des Kapellendaches. Hier wurde eine Sparrenzange entfernt. Sie muss ganz erneuert werden. Im Hintergrund das Westwerk des Domes
Detail Mittelpfettenanschluss: Aufdoppelung an einen Sparren mit Kerto-Schichtholz
Ein komplett vom Lochfraß des gescheckten Nagelkäfers zerstörtes Stück Kehlbalken
ein Zimmermann erläutert Lage und Funktion eines Simplexdübels zur Fixierung eines Sparrens, der auf einem Kehlbalken aufliegt

Dachsanierung einer Kapelle am Aachener Dom

Nikolauskapelle sorgsam saniert

Das Dach der größten Seitenkapelle des Aachener Domes wurde 2013 bis auf den Stuhl, die Sparren und die Pfetten wegen Schädlingbefall demontiert und die Schäden vorsichtig behoben. Von der historischen Konstruktion sollte so viel wie möglich erhalten, repariert und ausgebessert werden. Eingebrachte Bauelemente bleiben erkennbar.
Der achteckige Zentralbau des Aachener Domes wird umlagert von zahlreichen Seitenkapellen. Die größte von allen ist die im Nordwesten in gotischer Zeit erbaute Nikolauskapelle. Ihr ursprüngliches Dach fiel dem Stadtbrand von 1656 zum Opfer, allerdings stammt der überwiegende Teil des heutigen Gebälks aus der Wiederaufbauzeit unmittelbar danach.
Starker Schädlingsbefall am Dachstuhl
Um die Jahrtausendwende befiel der gescheckte Nagelkäfer den Dachstuhl und schädigte mit seinem Lochfraß in großem Ausmaß dessen Substanz. Im Jahre 2004 beseitigte der Dombaumeister Helmut Maintz den Schädling indem er ihn „ausräucherte“. Der Dachstuhl wurde hermetisch verschlossen und mit einem Gebläse auf 55 °C erhitzt. In der Theorie muss der Käfer „nur“ zwei Stunden lang dieser Temperatur ausgesetzt sein, damit er verendet und das Eiweiß seiner Larven und Eier gerinnt, was diese zerstört. Praktisch musste man etwa zwei Tage lang durchgehend den gesamten Dachstuhl intensiv aufheizen, um so sicherzustellen, dass alle Balken und Nischen die notwendige Temperatur in der erforderlichen Zeitspanne erreichen. Durch den Nagelkäfer war die Dachkonstruktion stark geschädigt, jedoch nicht unmittelbar einsturzgefährdet. Bedingt durch die Schäden war das Kapellendach jedoch in den Folgejahren stärker dem Witterungseinfluss ausgesetzt und es begann stellenweise einzuregnen.
Großvolumige Gerüsthalle
Als 2012 die Sanierungsarbeiten im Inneren des Domes abgeschlossen waren, konnte das Augenmerk auf das Dach der Nikolauskapelle gerichtet werden. Für die Durchführung empfahl sich eine komplette Einhausung des gesamten Daches. Mit seinen beachtlichen Dimensionen (Grundfläche etwa 20 x 30 m und über 10 m Höhe) ist dieser temporäre Bau eine Art Werkshalle geworden, deren Hauptzugang ein externer Gerüstaufzug an der Außenfassade des Domes ist. Dieser Lift gestattet es den Handwerkern, insbesondere auch sperrige Lasten problemlos nach oben an die Dachbaustelle zu schaffen. Die temporäre Gerüsthalle über den Dächern der Stadt ist mit zeltartig durchscheinenden Planen verkleidet, so dass die Zimmerleute dort vor Wind und Wetter geschützt arbeiten können. Trotzdem ist das hallenartige Volumen innen so hell, dass die Arbeiter kaum zusätzliche Strahler einsetzen müssen.
Zimmermannsmäßige Reparaturen
Das bei solchen Dachsanierungsmaßnahmen sehr erfahrene Unternehmen Holzbau Korr aus Aachen- Brand wurde, nach öffentlichem Teilnahmewettbewerb mit beschränkter Ausschreibung, damit betraut, zunächst das schadhafte alte Dach vorsichtig zurückzubauen und danach die alte Tragkonstruktion mit viel Sorgfalt und Liebe zum Detail wieder instand zu setzen. Zum Zeitpunkt unseres Besuches im Februar 2013 stand nur noch die eigentliche Tragkonstruktion, die gesamte Schalung war entfernt. An verschiedenen Punkten im Traufbereich hatte eindringendes Wasser das alte Eichenholz faulen lassen. Diese irreparablen Stellen sägten die Handwerker mit chirurgischer Präzision mit einer Kettensäge heraus, schufen dann in klassischer, zimmermannsmäßiger Verbolzung einen kraftschlüssigen Materialwechsel und setzten neues Holz in alter Dimension ein. Hierzu haben sie sowohl das Alt-, wie auch das Neuholz halb ausgelassen und die beiden Gegenstücke einander angepasst. Dann frästen sie ringförmige Nuten gleichen Durchmessers in die beiden Flanken und bohrten zusätzlich in die Mitte dieser Ringnuten jeweils ein durchgehendes Loch. In die Ringnut pressten sie einen Ringkeildübel aus verzinktem Stahl ein, der mit einem Epoxidharzüberzug vor Korrosion geschützt ist. Letzteres empfiehlt sich bei Eichenholz, aufgrund dessen hohen Gerbsäureanteils. Die in identischer Weise erstellte Nut im Austauschholz setzten die Zimmerleute dann exakt auf die erste auf und verbolzten die Verbindung stabil mittels einer Edelstahlschraube, welche sie durch die erwähnte, durchgehende Mittelbohrung führten. An einer anderen Stelle war das Sparrenauflager im Kehlbalken vollkommen marode. Das entsprechende Teilstück des horizontalen Holzes tauschten die beiden Zimmerleute gleichsam aus. Zudem fixierten sie den darauf aufsitzenden Dachsparren mit Simplexdübeln, welche als Sonderanfertigung für diese Baustelle in Edelstahl angefertigt worden sind. Die regulär auf dem Markt erhältlichen, lediglich verzinkten Metalldübel halten auf Dauer genauso wenig der aggressiven Gerbsäure stand, wie etwa nicht lackierte Ringkeildübel. Um die Stahlverbinder in diesem Knotenpunkt sicher anzubringen, bohrten die Zimmerleute im Sparren ein Loch quer zur Faserrichtung. In dieses schoben sie den Konterbolzen. Den dazugehörigen Zugstab führten die Handwerker von unten diagonal durch den Kehlbalken, so dass dieser parallel zum Sparren ausgerichtet ist. Schließlich fixierten sie die Verbindung über den Schraubenkopf mit einem Steckschlüssel.
Neue Auflagerpunkte für die Mittelpfetten
Die Mittelpfetten laufen und liefen bei diesem Dachstuhl nie durch. Vielmehr besteht deren Konstruktion aus einzelnen etwa 2 m langen Horizontalbalken, die jeweils zwischen die aufgehenden Sparren eingehängt und mit Holzdübeln verzapft worden waren. Viele dieser Zapfenverbindungen waren komplett verrottet und drohten zu zerbersten. Die Dombauleitung beschloss in Abstimmung mit der Denkmalpflege, jede dieser Verbindungen mit einer sichtbar aufgedoppelten Platte aus 45 mm starkem Kerto- Holz dauerhaft zu sichern. Die neuen Brettschichtholztafeln wurden einfach mit langen Edelstahlschrauben an den historischen Dachsparren fixiert. Dombaumeister Helmut Maintz hatte sich für Kerto entschieden, um auch nachfolgenden Generationen pragmatisch anzuzeigen, dass diese Aufdopplungen eine Zutat unserer heutigen Zeit sind. Es ist ein aktuelles Material, das die Anforderungen – eine hohe Festig- und Langlebigkeit – in optimaler Weise erfüllt. Tatsächlich wurden die alten Zapfen gar nicht angerührt und die Mittelpfettenhölzer auch in der Regel gar nicht ausgebaut. Die Zimmerleute fertigten aus dem Brettschichtholz für jeden Anschlusspunkt individuell eine passgenaue Schablone. Diese schoben sie von unten unter die Mittelpfetten und fixierten sie dann ebenfalls mit Edelstahlschrauben.
Holz und Schalung
Als neues Austauschholz für die schadhaften Bauteile des Dachstuhles verwendeten die Zimmerleute französische Eiche aus Fontainebleau (nahe Paris), die etwa vor sechs Jahren geschlagen worden war. In Teilen verwendeten die Handwerker aber auch noch verwertbare Laufmeter einer komplett ausgetauschten Sparrenzange aus der südwestlichen Ecke der Kapelle. Diese war in weiten Teilen derart marode, dass man einvernehmlich beschloss, sie ausnahmsweise komplett zu ersetzen. Das geschah nicht mit Simplex- Dübel und Kerto- Aufdopplung, sondern in einer verzapften Form, also genau so, wie die Vorgängerkonstruktion ursprünglich einmal beschaffen war. Nach Abschluss der Instandsetzungsarbeiten am tragenden Dachstuhl wurde das Dach mit Fichtenholz, diesmal aus der Eifel kommend eingeschalt. Da die Lattung aufgrund der eng stehenden Sparren und der recht steilen Dachneigung eine beachtliche Aussteifung bewirkt, konnte auf zusätzliche Windrispen, also diagonal gespannte Metallbänder verzichtet werden. Auf die einfache Schalung wurde eine Unterspannbahn als zusätzlicher Regenschutz aufgebracht und darauf schließlich wieder eine neue, altdeutsche Schiefereindeckung aufgebracht. Leider konnten die Dachdecker die alten Schiefertafeln nicht mehr verwenden: sie waren so brüchig, dass sie meist schon beim Ausbau zerbarsten. Über die Schieferarbeiten berichteten wir ausführlich in der Ausgabe 5.2014 der dach+holzbau.
Sorgsame Sanierung ist nachhaltig
Altes gegen Neues zu ersetzen, ist häufig ein probates Mittel bei Sanierungsmaßnahmen. Probleme entstehen allerdings immer dann, wenn das alte Material – wie hier etwa das großformatige Eichenholz – nur noch schwer zu beschaffen ist. Wie hier geschehen setzte man bei diesem Projekt den Altbestand sorgfältig instand und wählte die neuen Bauteile so aus, dass diese einem kundigen Betrachter direkt signalisieren, welcher Zeit sie entstammen. Hier wurde also bewusst aus der Not eine Tugend gemacht. Dieser Mehraufwand an Arbeit und diese Art des intensiven Reparierens bedeutet einen überaus schonenden Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen. Das ist nachhaltiger, weil Rohstoff schonender, als eine typische Rundumerneuerung.
Robert Mehl, Aachen